Aus der Kreuzerzeit - Mehrfach verwendete Briefe (Auszug aus Rundbrief 170)

Stichworte: Klaus Irtenkauf, Württemberg, mehrfach verwendete Briefe

Im Rundbrief 167 behandelte ich die sehr seltenen „Wertgleichen Mischfrankaturen“. Auf den ersten Blick sind auch die folgenden Briefe (Abbildung 1 bis 5) solche Mischfrankaturen. Aber bei genauerem Hinsehen, vor allem beim Vergleich der Stempel und Stempeldaten bemerken wir den Unterschied. Diese Briefe wurden mehrfach verwendet (schwäbische Sparsamkeit), wobei die Streichung der ursprünglichen Frankatur bzw. des ursprünglichen Stempels oft unterblieb.
Die Württembergische Post war gegenüber derartigen Mehrfachverwendungen der Umschläge sehr großzügig, bei den Postverwaltungen anderer Altdeutscher Staaten wurden solche Briefe meist nicht geduldet.

 

 

Abbildung 1: Doppelt verwendeter Brief von Stuttgart nach Kochendorf O.A. Neckarsulm, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 2 a, Type V, vom 26.12.1855, 2. Verwendung mit Mi.Nr. 7 a, vom 13.7.1858. Außergewöhnlich ist in diesem Falle der große Zeitraum (2 ½ Jahre) zwischen den beiden Verwendungen. Deutlich sichtbar ist die unterschiedliche Größe der beiden „Dkr“ von Stuttgart (verschiedene Typen).

 

 

Abbildung 2: Mehrfach verwendeter Brief, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 2 a, Type V, vom 29.4.1857, von Ellwangen nach Aalen, 2. Verwendung (innen) als Dienstsache vom 8.7.1857 von Aalen nach Ellwangen, 3. Verwendung mit Mi.Nr. 7 a, vom 14.4.1858, von Ellwangen nach Aalen.

 

 

Abbildung 3: Mehrfach verwendeter Brief, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 12 b, vom 27.1.1860, von Böblingen nach Waldenburg (Post Kupferzell), 2. Verwendung mit Mi.Nr, 7 c, vom 31.1.1860, von Kupferzell nach Böblingen, 3. Verwendung als Dienstsache vom 1.2.1860 von Böblingen nach Obereppach (Post Neuenstein). Interessant ist bei diesem Brief, dass die spätere Ausgabe (Mi.Nr. 12) vor der früheren Ausgabe (Mi.Nr. 7) verwendet wurde.

 

 

Abbildung 4: Doppelt verwendeter Brief von Stuttgart nach Bartenstein, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 12 b, vom 3.3.1860, 2. Verwendung mit Mi.Nr. 17 xb, vom 12.5.1860 (frühe Verwendung dieser Marke). Auch bei diesem Brief sind die unterschiedlichen Typen des Kr-Stempels von Stuttgart schön sichtbar (Jahreszahl im Innen- bzw. im Außenkreis).

 

 

Abbildung 5: Mehrfach verwendeter Brief, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 22 a, vom 23.2.1863, von Sulzbach nach Öhringen, 2. Verwendung (innen) als Portobrief vom 3.3.1863 von Öhringen nach Beilstein, 3. Verwendung mit Mi.Nr. 17 ya, vom 11.4.1863 von Beilstein nach Öhringen und 4. Verwendung (innen) als Portobrief vom 13.4.1863 von Öhringen nach Beilstein. Auch bei diesem Brief wurde die spätere Ausgabe Mi.Nr. 22 vor der Mi.Nr.17 y verwendet.

 

 

Abbildung 6: Bei diesem mehrfach verwendeten Brief wurden Marken mit unterschiedlichen Wertstufen verwendet. 1. Verwendung mit Mi.Nr. 16 ya, vom 29.9.1863, von Neuenstadt nach Neckarsulm (Oberamtsverkehr), 2. Verwendung (innen) als Portobrief vom 2.10.1863, von Neckarsulm nach Kochersteinsfeld (Post Neuenstadt). 3. Verwendung mit Mi.Nr. 26 a, vom 5.10.1863, von Neuenstadt nach Neckarsulm, als 3. Gewichtsstufe im Oberamtsverkehr, vermutlich mit Beilagen. In diesem Falle wurde eine Markenausgabe übersprungen.

 

 

Abbildung 7: Mehrfach verwendeter Brief, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 26 b, vom 5.10.1865, von Öhringen nach Neufürstenhütte (Post Groß-Erlach), 2. Verwendung (innen) als Portobrief vom 20.10.1865, von Groß-Erlach nach Pfedelbach (Post Öhringen), 3. Verwendung mit Mi.Nr. 25 a, senkr. Dreierstreifen, vom 19.2.1866, von Öhringen nach Neufürstenhütte. Bei diesem Brief ist die unterschiedliche Darstellung der 3-Kr.-Frankatur außergewöhnlich.

 

 

Abbildung 8: Doppelt verwendeter Brief von Rottenburg nach Stuttgart, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 31 a, vom 10.3.1866, 2. Verwendung mit Mi.Nr. 30 a, waagrechter Dreierstreifen (etwas angetrennt), vom 1.5.1866. Auch dieser Brief ist durch die unterschiedliche Frankaturdarstellung sehr dekorativ.

 

 

Abbildung 9: Mehrfach verwendeter Brief, 1. Verwendung mit Mi.Nr. 38, vom 10.11.1869, von Giengen nach Dürrenzimmern (Post Brackenheim), 2. Verwendung (innen) als Portobrief vom 15.11.1869 von Brackenheim nach Giengen, 3. Verwendung mit Mi.Nr. 36 a, waagrechtem Dreierstreifen, vom 25.11.1869, von Giengen nach Dürrenzimmern.

 

 

Abbildung 10: Doppelt verwendeter Brief von Möckmühl nach Jagsthausen (Oberamtsverkehr), 1. Verwendung mit Mi.Nr. 43, vom 5.6.1875, 2. Verwendung mit Mi.Nr. 101 a, vom 3.7.1875. Dieser außergewöhnliche und seltene Brief dokumentiert den Übergang Kreuzerzeit /Pfennigzeit sehr schön.

Bei allen diesen Briefen ist die Bewertung nicht einfach. Der Michel-Katalog hilft hier nicht weiter. Mehrfach verwendete Briefe sind beim Sammelgebiet Württemberg nicht so selten. Ob es nun Sparsamkeit war, oder die praktische Lösung, dass der gesamte Schriftverkehr für einen Vorgang kompakt auf einem Briefbogen abgehandelt werden konnte, weiß ich nicht.

Mehrfach verwendete Briefe mit denselben Marken (meist 1 oder 3 Kr.-Marken) verdienen einen Aufschlag, aber als Mehrfachfrankatur nach dem Michel-Briefe-Katalog können sie nicht bewertet werden. Auch bei der Verwendung verschiedener Ausgaben (Abb. 1 bis 6) kann man die Bewertungen des Michel-Briefe-Kataloges nicht zugrunde legen, aber die Seltenheit dieser Belege berechtigt zu Bewertungen, die sich etwa bei der Hälfte der „Mischfrankatur“- Preise im Michel-Briefe-Katalog bewegen.

Voraussetzung dafür ist natürlich eine ordentliche Erhaltung, denn durch Umfaltung derartiger Briefe sind Büge durch die Marken nicht selten und eben wertmindernd. Auch die mehrfache Behandlung durch die Post hinterließ ihre Spuren.

Mehrfach verwendete Briefe, zudem mit interessanten Frankaturen sind eine Besonderheit unseres Sammelgebietes „Württemberg“ und sollten in einer guten Sammlung nicht fehlen.

Klaus Irtenkauf

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